Hoffen darf man. Auch in den USA

Walmart-Angestellte nach dem Massenmord vom 3. August 2019 in El Paso, Texas. (Foto: Mark Lambie, AP)

USA-Korrespondenten haben manchmal Grund zum Verzweifeln. Regelmässig ist immer wieder über Massenmorde zu berichten, die einen blutiger als die anderen und alle unerträglich schlimm. In den letzten Tagen häuften sich wieder einmal die exzessiven Gewaltakte. Nacheinander schossen in Kalifornien, Texas und Ohio mit Sturmgewehren Bewaffnete auf wildfremde Unschuldige. Sie töteten mindestens 34 Menschen.

So aufwühlend die Emotionen, so voraussehbar sind die Reaktionen von Politikern. Reflexartig fordern Demokraten schärfere Waffengesetze, und ebenso automatisch lehnen Republikaner diese ab. Realistischerweise wären nur einschneidende Massnahmen wirksam, nämlich Verbote ganzer Waffenkategorien. Doch die sind politisch nicht realisierbar.

Seit über zwei Jahren darf Donald Trump alles angehängt werden. Es stimmt: Der jetzige Präsident verrät oft fremdenfeindliche bis rassistische Neigungen, und er facht bei seinen Fans einen giftigen Nationalismus an. Seine politischen Widersacher betreiben aber genau so skrupellos Wahlkampf, wenn sie übertreiben und dem angeblichen weissen Rassisten Trump die Schuld an den Massakern zuschreiben.


Jugendliche ohne Lebenssinn und Verantwortungsgefühl sind via Internet leicht verführbar.


Derweil gab es in den letzten Jahren eine viel wichtigere Veränderung: die Zunahme von verirrten, emotional heimatlosen jungen weissen Männern. Die Mörder von El Paso und von Dayton bekannten sich zu gegensätzlichen Ideologien, doch wie die meisten anderen Massenschützen fühlten sie sich sozial vereinzelt und verstiegen sich in extremistische Ideen. Sie kamen mit einer Gegenwart nicht zurande, in der alles geht und nichts Konsequenzen hat.

Das ist eine ganz tiefe Problematik. Sie hat zu tun mit dem Zerfall der Familie und der Abkehr von der Religion, den beiden wichtigsten Stützen der amerikanischen Gesellschaft. Wurzellose Jugendliche ohne Lebenssinn und Verantwortungsgefühl sind via Internet leicht verführbar.

Was tun? Soziale Grosstrends sind nicht leicht zu stoppen und noch schwerer umzukehren. Ein wichtiger Schritt könnte sein, dem Denken in Identitäten zu widerstehen. Je weniger Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft und sexuelle Orientierung die Menschen definieren, desto eher können sich die Verhältnisse zwischen Gruppen entspannen. Gewiss, die friedliche Gesellschaft ist ein utopisches Fernziel. Aber hoffen darf man, auch in den USA.


Erschienen am 7. August 2019 in der Basler Zeitung.

Kommentar hinzufügen

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.